Antiautoritäre Erziehung – Pro und Contra – Tipps

Antiautoritäre Erziehung – das sollten Sie wissen! Alle Vorteile, Nachteile und Tipps, sowie die wichtigsten Merkmale der antiautoritären Erziehung finden Sie hier zum Nachlesen!

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Hände reichen in der Familie

Familie (Quelle: pixabay.com)

Antiautoritäre Erziehung war einst das Aushängeschild des pädagogisch-interessiertem Zweiges der 68er Bewegung. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele Herrschaftsstrukturen im Alltag der Menschen abzubauen, was sich natürlich auch auf die Erziehung von Kindern auswirkte.

Der Erziehungsstil sorgte (und sorgt immer noch) für erhitzte Diskussionen unter Eltern, Lehrern und Pädagogen. Es existieren Stimmen, die genau dieses Konzept zur Methode der Zukunft erklären und die der Meinung sind, es gäbe nichts Besseres für ein Kind. Andere Stimmen behaupten antiautoritäre Erziehung sei gefährlich und grenze sogar an Vernachlässigung.

Dieser Ratgeber hat das Ziel, einen Überblick über die Inhalte und Ziele antiautoritärer Erziehung zu bieten, die Vor- und Nachteile zu diskutieren und interessierten Menschen so eine solide Basis bieten, um sich selbst eine Meinung bilden zu können.

Antiautoritäre Erziehung: Die Grundgedanken und Merkmale

Wer den Grundgedanken der antiautoritären Erziehung verstehen will, muss sich mit den Zielen der 68er Bewegung auseinandersetzen, da er von Mitgliedern der Bewegung erdacht wurde und sich explizit auf die politischen Ziele von ihr bezieht.

Eines der zentralen Ziele der Bewegung war die Abschaffung von Herrschaftsstrukturen in der Beziehung zwischen Staat und Mensch, aber genauso auch zwischen Mensch und Mensch. Dass das nicht nur die politischen Vorstellungen teilweise weit nach links rutschen ließ, sondern sich auch massiv auf das alltägliche Leben auswirkte, muss nicht extra erwähnt werden.

Der Gedanke von radikaler Gleichberechtigung sorgte in Teilen der Bewegung für die Meinung, dass auch Kinder von dieser Gleichberechtigung nicht ausgeschlossen werden dürfen. Es wurde ein Erziehungsstil erdacht, der darauf beruht, Kinder im Alltag als komplett gleichberechtigte Mitmenschen zu behandeln. Als Konsequenz verbieten sich natürlich Bestrafungen, Vorschriften oder Befehle.

Von Anfang an war der Versuch der antiautoritären Erziehung heftiger Kritik ausgesetzt. Pädagogen, die sich wohlwollend äußerten, wurde fachliche Inkompetenz vorgeworfen und auch praktizierende Eltern stießen auf Unverständnis und Ablehnung. Die vorherrschende Meinung war, dass Kinder Anleitung und Vorschriften benötigen, um sich in der Welt zurechtzufinden und zu lernen, in einer Gemeinschaft zu funktionieren.

Der nächste Abschnitt versucht die konkreten Vor- und Nachteile zu klären, die diese Form der Erziehung mit sich bringt.

Antiautoritäre Erziehung: Vor- und Nachteile

Das erklärte Ziel des antiautoritären Erziehungsstils ist es, das Kind auf seinem Weg zu einem möglichst selbstbestimmtem, selbstbewusstem, aber auch empathischem und rücksichtsvollem Menschen zu unterstützen. Wobei „unterstützen“ das Wort ist, auf das es ankommt. Das Kind wird unter keinen Umständen zu etwas gezwungen und auch Strafen verbieten sich. Schließlich kann man keinen freien Menschen für eine freie Handlung bestrafen, sagen die 68er.

Daraus ergeben sich natürlich zahlreiche Schwierigkeiten: Die Erziehung des Kindes wird auf jeden Fall deutlich aufwendiger und auch anstrengender. Jede Entscheidung, die das Kind betrifft, muss mit ihm diskutiert, seine Stimme gehört und seine Meinung mitbedacht werden. Wer selbst mit Kindern zu tun hat, kann sich vorstellen, wie langwierig und manchmal auch fruchtlos derartige Versuche im Alltag aussehen können.

Auf der anderen Seite sorgt ein solcher Aufwand beim Kind schon im jungen Alter für ein gewisses Verständnis für Entscheidungsfindungen und das Leben in einer demokratischen Gemeinschaft, in der jede Meinung zählt. Das Kind nimmt sich selbst als Herr über sein Leben wahr und lernt so schnell, Verantwortung für sich und seine Handlungen zu übernehmen.

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt an der antiautoritären Erziehung stellt der Fakt dar, dass wir im Alltag praktisch ständig von Herrschaft in verschiedensten Formen umgeben sind und lernen müssen, in solchen Strukturen zu funktionieren. Die Gesellschaft würde schlicht zusammenbrechen, wenn niemand mehr Autoritäten respektieren und ihnen folgen würde. Kritiker befürchten, dass antiautoritär erzogenen Kindern diese Fähigkeit fehlen könnte, da sie diese Strukturen nicht aus der Familie kennen und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Es gibt die Meinung, dass so erzogene Kinder später massiv Probleme mit bspw. Leistungsdruck in der Schule bekommen könnten, oder dass ihnen das Arbeitsleben schwerfallen wird.

Befürworter der antiautoritären Erziehung halten dagegen, dass solche Problematiken nicht aus der Erziehung an sich, sondern aus mangelnder Kommunikation heraus entstehen. Sie sagen, dass Kinder deutlich besser darin sind, bspw. zwischen Strukturen in der Familie und denen in der Schule zu differenzieren, wenn man sie im Dialog daran heranführt, Gründe erläutert und generell an die Vernunft des Kindes appelliert.

Zu deutlichen Problemen kann eine solche Erziehung führen, wenn das Kind beginnt in die Pubertät zu kommen. Diese Lebensphase zeichnet sich im Generellen dadurch aus, dass unter anderem Grenzen bewusst getestet und teilweise auch übertreten werden. Sind solche Grenzen nicht existent, kann das nicht nur für schädliches Verhalten beim Kind führen, es kann auch für eine gewisse Orientierungslosigkeit und Verwirrung sorgen.

Fazit

Wenn es um Erziehungsstile geht, scheiden sich oft die Geister. Was für den Einen wie ein revolutionäres Konzept wirkt, dass Kinder zu mehr Selbstbestimmtheit und Freiheit verhilft, wirkt für den Anderen wie gefährliche Vernachlässigung. Generell kann man sagen, dass wohl jegliche Form von Extremen zu ungünstigen Situationen führen kann und es immer darauf ankommt, einen möglichst befriedigenden Mittelweg zu finden.

Natürlich ist es absolut zu befürworten, Kinder zu mündigen Teilen einer demokratischen Gesellschaft zu erziehen, aber das bedeutet nicht, völlige Regellosigkeit zu „Erziehung“ zu erhöhen.

Wie der Weg zu einer Persönlichkeit, die irgendwo zwischen den beiden Extremen liegt, konkret aussehen sollte, hängt natürlich stark von der jeweiligen Familie und dem Individuum ab. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass ein Willen zum Dialog mit dem Kind und ein Einbeziehen desselben in alltägliche Entscheidungen grundsätzlich zu befürworten sind. Das sind wohl die Lehren, die wir alle aus der 68er Bewegung so unterschreiben können.